610 Längen später...
Wie viele Male habe ich mich motivieren müssen, um mich drei bis vier Stunden in das kühle Nass zu stürzen? Wie oft habe ich mich über die Bleienten auf der Tempobahn im Schwimmbad aufgeregt? Immer und immer wieder habe ich mich im Schwimmbecken genervt, dass ich nach 50 Metern wieder umdrehen musste. Doch der Tag sollte kommen...
-und er kam schneller als mir lieb war - der 1.März - der Tag des 12h Schwimmens.
Am Sonntag um sieben Uhr in der Früh trafen wir uns mit den
anderen Schwimmern zur Wettkampfbesprechung. Anschliessend
zelebrierte jede Schwimmerin und Schwimmer sein eigenes Ritual.
Ich nahm noch meine letzte Nahrung zu mir, währenddem meine
Partnerin Carmela mich mit einem Bodystick eingeschmiert hatte. Das
Geschmiere grenzte schon fast an einen Fetisch. Dies sollte das
Wundreiben verhindern. Zu der Zeit viel es mir auch noch nicht
schwer in die Kamera zu lächeln.
Auf meiner Bahn, Nummer zwei, reihten sich mit mir noch neun
weitere MitstreiterInnen ein. Kurze Zeit später fiel der Startschuss. Die ersten spurteten los wie von einer Seeschlange gebissen. Ich liess mir Zeit; schliesslich dauerte es noch 11 Stunden 59 Minuten und ein paar Sekunden bis das Ziel erreicht war.
Nach jeweils einer Stunde legte ich eine kleine Pause von zehn Minuten ein, in welcher ich das stille Örtchen aufsuchte, mich mit einem Gel ernährte und mich mein Schatz wieder mit dem Zauberstick einschmierte.
Und schon ging es wieder ab ins Feuchte. Die ersten fünf Stunden verliefen ohne grössere Zwischenfälle. Immer wieder schielte ich beim Schwimmen auf die Zwischenzeitentafel. Dann endlich, nach fünf Stunden, wurden die ersten Kilometerstände angeschlagen. Zu meiner grossen Verwunderung wurde ich lediglich auf Platz vier gewertet. Mehr Sorgen machte mir jedoch, dass ich 500 Meter im Rückstand war. Mir war klar, dass sich in den verbleibenden sieben Stunden noch einiges ändern kann. Die weiteren zwei Stunden schwamm ich in einer Monotonie, die kaum erahnen liess, dass ich die Strapazen langsam zu spüren bekam. Während jeder Stunde musste ich vier Deziliter Wasser, versetzt mit einem Soja-Kohlenhydrat- Fett-Gemisch, trinken. Nach der sechsten Stunde bekam ich Magenkrämpfe. Ich musste mich beherrschen, dass ich mich nicht übergebe. Glaube kaum, dass sich meine Kontrahenten gefreut hätten. Ich beschloss in Absprache mit meiner Partnerin, eine ausserplanmässige Pause einzulegen.
Nach fünfzehn langen Minuten stürzte ich mich wiederum ins Wasser. In der Zwischenzeit hatte ich auf den Viertplatzierten schon einen Rückstand von einem ganzen Kilometer. Plötzlich konnte ich beobachten, dass mein Kontrahent schwächelte. Sein Schwimmstil verschlimmerte sich zusehends. Ich dagegen schwamm noch immer konstante Hundertmeterzeiten. Diese Situation gab mir einen zusätzlichen Motivationsschub. Ich setzte meine monotonen Bewegungen fort - eine Länge nach der anderen. In der Zwischenzeit lag ich lediglich noch vierhundert Meter im Rückstand. Ich wusste, dass ich nun pokern musste. Wenn ich weiterhin zehnminütige Pausen einlege würde, besteht die Möglichkeit, dass ich das Rennen auf dem vierten Platz beenden würde. So beschlossen meine Partnerin und ich keine Pausen mehr zu machen. In der Zwischenzeit habe ich meine Ernährung auf Bananen und Wasser umgestellt, da ich das andere Gesöff nicht mehr riechen konnte.
Die Bananen und das Wasser wurden an den Beckenrand verlagert. Ich kann mich nicht mehr erinnern ab wann ich genau den Turbo gezündet habe - gezündet habe ich ihn aber. Der Endspurt - der noch knapp zwei Stunden dauerte - war eröffnet. Auch mein Kontrahent hat erkannt, dass es nun um die Wurst, den dritten Platz geht. Neunzig Minuten vor Rennende erfuhr ich dann von Carmela, dass ich vierhundert Meter vor meinem Gegner lag. Diese Nachricht beflügelte, treffender gesagt „beflosste“ mich. Auf der nächsten Länge überholte ich dann auch noch meinen Gegner was mir einen zusätzlichen Schuss Adrenalin gab. Sofort hängte er sich an meinen Wasserschatten. Mein Herz pochte wie verrückt, da ich auf keinen Fall nun meinen dritten Platz wieder hergeben wollte. Mir war klar, dass ich mich nicht überholen lassen durfte. Somit musste ich das Schwimmtempo erhöhen und das nach fast elf Stunden schwimmen.
Ich verspürte noch soviel Energie, dass ich mit meinem Kontrahenten spielen konnte. Regelmässige Tempowechsel zermürbte ihn schlussendlich. Eine halbe Stunde vor Rennschluss stieg er erschöpft aus dem Wasser. Ich konnte es noch nicht fassen - der dritte Podestplatz liegt in greifbarer Nähe. Trotzdem dauerte das Rennen noch knapp dreissig Minuten - da kann nach einem so langen Tag noch vieles geschehen, das war mir klar.
Aber auch diese paar Minuten gingen nach gefühlten zwei Stunden um genau zwanzig Uhr zu Ende.
Ich konnte es kaum fassen - mein erstes 12h-Schwimmen ist beendet und ich stehe auf dem Podest. Überglücklich schloss ich Carmela in meine Arme. Wir waren ein super Team, das einfach toll harmonierte.
Zum Schluss genehmigte ich mir noch einen Blick auf das Protokoll, welches die Kampfrichter geschrieben hatten. Meinem Gegner nahm ich schlussendlich 1.5km ab. Das Tagesziel, die dreissig Kilometer zu erreichen, habe ich
mit 30.5 Kilometer auch erreicht. Was wollte ich mehr.
So begaben wir uns zu den Umkleidekabinen und zur Siegerehrung.
Schmerzen? - Dank den Adrenalinschüben verspürte ich kaum Schmerzen. Es ging mir psychisch und physisch blendend. Irgendwann gegen dreiundzwanzig Uhr trafen
wir dann wieder zu Hause ein. Beim Ausziehen musste
mir dann Carmela doch behilflich sein. Das Adrenalin war wohl schon von meinem Körper abgebaut worden. Die Schulterschmerzen setzten ein. Ich dachte die Schultern würden mir abfallen... Ich legte mich dann doch irgendwie ins Bett. Ein wenig war mir schwindlig. Mein Schatz legte sich neben mich und schlief schnell ein.
Ich jedoch konnte ich kein Auge schliessen. Minütlich erging es mir immer schlechter und schlechter. Irgendwie konnte ich mich noch zur Toilette retten. Dort ging es mir dann so schlecht, dass ich schon einen Arzt rufen wollte. Ein Schweissausbruch brach dann aus - habe nicht gewusst, dass ein Mensch so schwitzen kann. Zu dem Zeitpunkt habe ich mir geschworen meine Sportgeräte zu verkaufen und mir damit eine Playstation3 zu kaufen. Nach diesem feuchten Intermezzo erholte ich mich dann wieder zügig. Mein Körper wollte mir wohl damit zeigen, dass er es nicht mag wenn ich allzulange seine Komfortzone verlasse. Irgendwie legte ich mich dann doch wieder ins Bett und lag einfach da....
Zwei Tage später sah die Welt schon wieder anders aus. Meine nächsten Pläne schwirren schon im Kopf herum und noch immer besitze ich keine Playstation3.
PS: Vielen Dank Markus für die grandiosen Fotos!
